Ein Gespräch mit Stephanie Fuchs, die in Tansania im Dorf einer Massai-Gemeinschaft lebt
Wer sich mit Windelfrei beschäftigt, hört oft, dass Naturvölker das „schon immer so machen“. Aber wie sieht das im Alltag wirklich aus? Klappt alles perfekt? Und was steckt dahinter, wenn Kinder ohne Windeln groß werden? Darüber habe ich mit Stephanie Fuchs gesprochen, die seit vielen Jahren bei den Massai in Tansania lebt und dort selbst ihren Sohn ohne Wegwerfwindeln begleitet hat.
Ihre Antworten waren ehrlicher, entspannter und in vielen Punkten überraschender, als ich es erwartet hatte.
„Für mich ist das ganz natürlich“
Als ich Stephanie gefragt habe, wie das mit dem Abhalten bei den Massai läuft, musste sie erst einmal überlegen. Für sie ist es so selbstverständlich, dass sie gar nicht darauf geachtet hatte, dass es etwas Besonderes ist. Mütter sitzen mit ihrem Baby auf dem Schoß und warten, bis Pipi oder Stuhlgang kommt. Das Wissen wird von Frau zu Frau weitergegeben. Stephanie erzählt von einer jungen Mutter im Dorf mit einem vier Monate alten Baby. Es ist ihr erstes Kind, und sie macht es trotzdem ganz selbstverständlich, weil sie es bei ihrer Mutter und ihren älteren Schwestern beobachtet hat.
Die ersten Wochen: Tücher statt Windeln
Von Tag eins an liegen Neugeborene auf Tüchern. Auf eine dickere Decke wird ein kleines Tuch gelegt, das Pipi und Stuhl auffängt. So muss nur das kleine Tuch gewaschen werden. Bei sehr kleinen Babys kommt das drei bis fünfmal am Tag vor, deshalb braucht man einen guten Vorrat an Tüchern zum Wechseln. Hierfür werden oft alte Kleidungsstücke verwendet.
In den ersten zwei bis drei Monaten, dem Wochenbett, bleibt die Mutter die meiste Zeit mit dem Baby im Haus. Sie kümmert sich zusammen mit den weiblichen Familienmitgliedern um das Baby.
Ab etwa vier Monaten: Abhalten auf dem Schoß
Sobald ein Baby den Kopf einigermaßen halten kann, beginnen die Frauen mit dem Abhalten. Das Kind sitzt auf ihrem Schoß, sein Po zwischen ihren Beinen. Die Mutter spricht dabei mit ihm. Sie wählt Momente, in denen es wahrscheinlich muss, zum Beispiel nach dem Aufwachen. Manchmal dauert es ein paar Minuten. Manchmal denkt die Mutter schon, es kommt nichts, und dann kommt es doch.
Wer sein Kind von klein auf daran gewöhnt, erlebt laut Stephanie, dass es mit sechs bis neun Monaten gut funktioniert. Sie betont aber, dass es dabei um Intuition und Zeit geht. Massai-Mütter sind den ganzen Tag mit ihren Babys zusammen. Sie kennen den Rhythmus ihres Kindes, wissen, wie oft es zuletzt musste, und erkennen die kleinen Zeichen, zum Beispiel wenn es anfängt zu quengeln. Stephanie meint, dass es im Westen schwieriger ist, wenn Mütter oft schon nach wenigen Monaten wieder arbeiten müssen und die Kinder viele Stunden fremdbetreut sind. Dann kann man diese Signale schwerer kennenlernen.
Es klappt nicht immer, und das ist okay
Mir war wichtig, das zu hinterfragen. Wir stellen uns gern vor, dass bei Naturvölkern alles perfekt läuft, ganz ohne Unfälle. Stephanie sagt klar: Nein, perfekt ist es nicht. Es ist ein Lernprozess, und es geht auch mal daneben.
Der Unterschied liegt im Druck. Die Massai leben in Lehmhäusern mit Lehmboden. Ist etwas passiert, streut man etwas Sand darauf und fegt es trocken. Ist die Kleidung der Mutter nass geworden, hängt man sie in die Sonne. Stephanie meint, dass es bei uns mit Teppichen, Matratzen, Bettbezügen und Parkett verständlich ist, dass ein Malheur mehr Stress bedeutet. Windelfrei machen die Mütter dort nicht, weil sie perfekt trocken sein wollen. Sie tun es, um sich das Leben leichter zu machen: weniger waschen und Kinder nicht in Windeln stecken.
Wenn die Kinder laufen: Freiheit statt Windel
Etwa ab dem ersten Geburtstag, wenn die Kinder laufen lernen, bekommen sie ein kleines traditionelles Tuch umgehängt. Windeln tragen sie generell nicht. Manchmal ziehen sie eine kleine Short an, das ist heute etwas moderner. Unten herum sind sie aber meistens frei.
Ab dem Laufen wird nicht mehr abgehalten. Das Abhalten ist etwas für Babys und Krabbelkinder. Kleine Kinder, die schon laufen, sind draußen unterwegs, oft mit älteren Geschwistern. Wenn dann etwas danebengeht, wird ihnen gesagt, wie es besser geht: hinhocken, ein Stück abseits ins Gebüsch oder hinters Haus gehen.
Wichtig war mir zu erfahren, in welcher Stimmung das passiert. Stephanie sagt, dass es nicht negativ oder genervt ist. Natürlich freut sich keine Mutter über nasse Beine. Aber alle wissen, dass ein einjähriges Kind das nicht mit Absicht macht. Es fehlt ihm einfach noch das Körpergefühl, die Kontrolle und die Erfahrung. Weil die Kinder viel Freiheit haben und die Folgen selbst spüren, lernen sie schnell. Mit etwa anderthalb bis zwei Jahren kümmern sie sich meist selbst darum.
Stephanie hat es bei ihrem Sohn ähnlich gemacht: Er lief tagsüber oft ohne Windel, und sie hatten ein Codewort, mit dem sie ihn daran erinnerte, rauszugehen, wenn er etwas spürte. Mit etwa anderthalb Jahren hat er das selbst geschafft.
Und der Abhaltestreik?
Viele Eltern kennen die Phase, in der Babys mit etwa neun Monaten plötzlich nicht mehr abgehalten werden wollen. Stephanie kennt das Alter (neun bis zwölf Monate) auch, denn dann werden die Kinder mobil. Bei den Massai reagieren die Mütter unaufgeregt: Merkt eine Mutter, dass das Kind muss, nimmt sie es an die Hand oder trägt es raus und zeigt ihm, wo es hingehen kann. Hat sie gerade keine Zeit, übernimmt eine ältere Schwester oder ein älterer Bruder.
Nachts
Nachts läuft es ähnlich wie im Wochenbett. Ein Massai-Bett besteht aus Holz, etwas Laub und einem Kuhfell. Wird das Fell nass, wird es hart. Deshalb legen die Mütter eine Plane und eine weiche Decke darunter. Bei größeren Kindern, die schon verstehen, was man ihnen sagt, nimmt die Mutter das Kind nachts auch mal mit nach draußen, wenn es sagt, dass es muss.
Stephanie sagt auch ganz offen, dass sie ihrem Sohn nachts ab etwa sechs bis acht Monaten wieder eine Stoffwindel angezogen hat. Er hatte in der Nacht zuverlässig Stuhlgang, sie wollte das Bett nicht ständig waschen, und sie konnte seinen Rhythmus inzwischen lesen. Das war ihre Entscheidung, die zu ihrem Alltag gepasst hat.
Exkurs Schlafen: Immer bei Mama
Ein Massai-Haus hat meist zwei große Betten: eines für den Vater, eines für Mutter und Kinder. Die Kinder schlafen von Tag eins an bei ihr. Ältere Kinder schlafen oft bei der Oma oder Tante oder bei älteren Geschwistern, wenn das Haus voll ist. Erst mit etwa sechs bis acht Jahren schlafen Kinder nicht mehr bei der Mutter, aber auch dann nicht allein. Stephanie kann das bei uns kaum nachvollziehen, wo man Kinder oft möglichst früh allein schlafen lassen will. Ihr Sohn schläft bis heute jeden Tag bei ihr.
Ein Dorf zieht Kinder groß
Sobald Kinder laufen, sind sie draußen, auch schon mit einem Jahr. Begleitet werden sie von größeren Geschwistern, Cousins und Nachbarn. „Die Kinder sind alle unsere Kinder“, so beschreibt Stephanie das Lebensgefühl. Auf Kinder aufzupassen wird nicht als Last gesehen, sondern als etwas Schönes.
Väter sind bei den kleinen Kindern wenig involviert, gerade bei Pipi und Stuhl. Sie greifen aber ein, wenn sie zufällig sehen, dass ein Kind sich hinhockt, und schicken es an einen besseren Platz. Aufräumen nach Missgeschicken übernehmen bei Kleinkindern die Mütter oder größere Geschwister. Erst mit etwa fünf Jahren machen Kinder das selbst oder für ihre kleineren Geschwister.
Was wir mitnehmen können
Kopieren können wir das Leben der Massai nicht. Wir haben Teppiche, Parkett und Jobs, und ein Dorf, das mitanpackt, hat kaum jemand. Vier Dinge finde ich trotzdem bedenkenswert:
1. Druck rausnehmen: Windelfrei muss nicht perfekt sein. Ein Malheur ist ein Missgeschick und kein Scheitern.
2. Zeit und Nähe zählen: Wer Zeit ohne Windeln mit seinem Kind verbringen kann, erkennt seine Signale leichter.
3. Kinder lernen durch Vorbilder: und dürfen dabei kleine Erfahrungen machen.
4. Gemeinschaft entlastet: Wo mehrere Menschen Verantwortung tragen, sind Eltern und Kinder entspannter.
Vielen Dank an Stephanie Fuchs für das offene Gespräch und dafür, dass sie ihren Alltag mit uns geteilt hat.



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